Schaumburger Nachrichten vom 02.08.2008

   
 

„Ich bin eine Enzyklopädie des

 20. Jahrhunderts"

„Hitlerjunge" Salomon Perel will die historische Wahrheit wach halten

 

Salomon „Sally" Perel, besser bekannt als „Hitlerjunge Salomon", hat unter dem Namen Josef „Jupp" Peters das Dritte Reich überlebt. Seine Autobiografie wurde verfilmt, der Streifen mit einem „Golden Globe" ausgezeichnet. Es ist die wahre Geschichte eines jüdischen Jungen aus Peine, der sich als „Volksdeutscher" ausgab und die NS-Zeit in einer Eliteschule der Hitlerjugend verbrachte. Seit 1992 kommt Perel zweimal im Jahr nach Deutschland zurück, um Jugendlichen von seinen Erfahrungen „unter der Haut des Feindes" zu berichten. Zuletzt an der Stadtschule. Im Gespräch mit den SN bringt „Sally" seine Biographie auf den Punkt: „Ich bin eine Enzyklopädie des 20. Jahrhunderts."

 

Bad Nenndorf. Wer könnte die historische Wahrheit authentischer vermitteln als einer der letzten Zeitzeugen des Holocaust? Der 83-Jährige wirkt keinesfalls verbittert, strahlt Optimismus und enormen Lebenswillen aus. „Ich glaube an das Gute im Menschen", erklärt Perel. An Selbstmord habe er nie gedacht, aufgeben sei nie infrage gekommen. „Ich bin Humanist von Natur aus", sagt er und ergänzt: „Selbst Neonazis haben Gutes." Mehr noch: Diese nennt Perel als „Hauptadressaten" für sein Ziel, die historische Wahrheit wach zu halten und mit Informationen aus erster Handneue Zeitzeugen zu hinterlassen. „Die Schatten des Dritten Reiches sieht man auch in diesen Tagen", kommentiert er die Aufmärsche in Bad Nenndorf und erkennt Parallelen. Damals habe es ebenfalls in Randgruppen angefangen. „Wir müssen alles tun, damit sie Randgruppen bleiben. Wo es einmal passiert ist, kann es leichter wieder passieren", fordert Perel demokratisches Engagement: „Bunt ist immer schöner."

Er selbst scheue das direkte Gespräch mit Neonazis nicht. „Vor mir haben die Respekt, ich habe die Wahrheit erlebt, war selbst Hitlerjunge." Am eigenen Leib hat er erfahren wie anfällig Jugendliche für rechte Parolen sind, kennt die Faszination der Nazi-Propaganda. „Ich war dabei und habe gesehen, wie Kinder als Rohmaterial benutzt worden sind, wie durch Erziehung selbstständiges Denken verhindert wurde. Das bewirkte, dass auch ich als Jupp den Endsieg wollte und Heil Hitler rief. Ich glaube, der Sinn meines Überlebens liegt darin, dass ich meine Geschichte heute erzählen und junge Menschen mit meinen Erfahrungen gegen Salomon Perel. derartige Versuchungen impfen kann."

Bei seinen Schulbesuchen habe er fast nur gute Erfahrungen gemacht. „Ich sehe, dass die Botschaft ankommt: Nicht zuletzt, weil ich viel Selbstkritisches erzähle", stellt Perel fest. So kannten in der Rodenberger Stadtschule alle seinen Film und hatten „keinen Kommiss mehr im Kopf".

„Ich lebte in zwei Welten, nachts war ich der Sally, zeichnete mit dem Finger den Judenstern an das Fensterglas. Und tagsüber war ich der Hitlerjunge, der sich sogar mit der nationalsozialistischen Ideologie identifizierte." Jahrelang war die Angst, entdeckt zu werden, sein ständiger Begleiter. Perel habe Mechanismen entwickelt, sich jeder Gefahr anzupassen. Diese Fähigkeit und eine gehörige Portion Glück nennt „Sally" als sein Rezept zum Überleben.

Hitlerjunge Salomon hat überlebt. Seine Eltern und Schwester sind dem Holocaust zum Opfer gefallen. Manchmal werde er von deutschen Schülern um Verzeihung gebeten, berichtet Perel und dabei steigen ihm Tränen in die Augen.

Zum Abschied formuliert er seinen ganz persönlichen Auftrag für die deutsche Jugend: „Die dritte Generation der Täter trägt keine Schuld. Aber sie ist verantwortlich, wenn es wieder passiert."


Ines Teschner

 

EIN LEBEN IN SIEBEN SÄTZEN

„Ich war Hitlerjunge Salomon

  Salomon Perel wird am 21. April 1925 im niedersächsischen Peine geboren. Seine Eltern sind fromme Juden, die 1935 zunächst nach Polen flüchten. „Sally" flieht weiter in die Sowjetunion bis nach Minsk, wo er 1941 deutschen Truppen in die Hände fällt. Er gibt sich als Volksdeutscher aus, wird Dolmetscher und nach einem Jahr bei der deutschen Wehrmacht an der Ostfront auf die HJ-Schule in Braunschweig geschickt, wo er bis zum

Kriegsende bleibt und im Volkswagenwerk zum Werkzeugmacher ausgebildet wird. 1948 wandert Perel nach Israel aus und baut sich dort eine neue Existenz auf, heiratet und bekommt zwei Söhne. Erst nach seiner Pensionierung konnte er das früh Erlebte nicht länger verdrängen. Mehr als vier Jahrzehnte nach seiner Rettung schildert er seine Erlebnisse in der Autobiografie „Ich war Hitlerjunge Salomon                                   tes

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