Schaumburger Nachrichten vom 05.02.2009

   
  Säuglingsschreie in der Stadtschule

Neuntklässler erfahren durch Baby-Simulations-Projekt
die Unbilden der Elternschaft

 
  Die Neuntklässler aus der Stadtschule, Jessica, Heeba, Miriam, Jennifer, Pascal und Malte sind Eltern für drei Tage.
 
 

Die Stadtschule nach den Zeugnisferien mit den Präventionstagen begonnen. In diesem Jahr läuft darin auch ein Projekt vom Landkreis, das zwölf Schüler für drei Tage zu Eltern macht. Mit Babysimulatoren ausgestattet, erfahren die Neuntklässler, was es heißt, Tag und Nacht Verantwortung für ein Neugeborenes zu übernehmen.

RODENBERG. Ungewöhnliche Stimmen dringen aus Raum 138 der Stadtschule. Es ist Babygeschrei, das in der ehemaligen Bücherei zu hören ist. Dort haben sich zehn Schülerinnen und zwei Schüler der neunten Hauptschulklassen versammelt und sind eifrig dabei, sich um ihren Puppen-Nachwuchs zu kümmern. Doch mit einer normalen Puppe hat der Babysimulator wenig zu tun, denn er reagiert dank Computertechnik nahezu wie ein vier bis acht Wochen alter Säugling und der schreit eben auch, wenn er Hunger, die Windeln voll oder Bauchschmerzen hat.
Die Projektleiter Irmtraud Wehking vom Frauenzentrum Stadthagen und Andreas Woitke, zuständig für Prävention und Integration bei der Kreisjugendpflege, haben die Babysimulatoren mitgebracht. Die Projektziele sind: Vermeidung von Frühschwangerschaften, Lebens- und Zukunftsplanung, Erkennung der Bedeutung von Verantwortung in Partner- und Elternschaft. Auch Verhütung ist also ein Thema, denn die Mädchen, die ungewollt schwanger werden, werden immer jünger, ist die Erfahrung der beiden Pädagogen.
Nicht nur die Mädchen interessiert die Thematik. Mit Pascal und Malte wollen auch zwei Jungs wissen, „wie es ist ein Baby zu haben". Pascal hat durch eine fünf Jahre jüngere Schwester mehr Erfahrung als Malte, der ohne jüngere Geschwister aufwuchs. Zwei Teilnehmer des Projekts sind zusammen für ein Babymodell verantwortlich. Pascal u Malte h en ihren lebensechten Lei sohn „Re genannt. „Gianna" heißt das Simulatorkind von Heba und Jessica, Miriam und Jennifer tauften ihre Puppentochter „Susan". Alle kümmern sich erst einmal rührend um ihre Adoptivkinder. Aber jeder Simulator ist so programmiert, dass die Stresssituationen wie bei richtigen Babys ganz unvorhergesehen auftreten.
„Eigentlich ist es so, dass alle, die bei den Projekten mitmachen, Kinder haben wollen", stellt Wehking immer wieder fest. Bei dem Experiment werde den Heranwachsenden aber klar, dass sie die Familienplanung doch lieber auf später verschieben wollen. Die Erfahrungen mit Jugendlichen, die Wehking schildert, lassen erkennen, dass Naivität, Leichtsinnigkeit und eine degenerierte Moral eine Mischung geben, die zu den heutigen Problemen der Jugendlichen führt. Die Fehler liegen oft schon im Elternhaus, wo auf der einen Seite keine Aufklärung herrscht, auf der anderen Seite aber freier Zugang zum Internet und damit allen erdenklichen sexuellen Auswüchsen. Unaufgeklärte Jugendliche, die sich dadurch ein Zerrbild von Partnerschaften malen, stehen sprachlosen Erwachsenen gegenüber. Wehking und Woitke stellen auch immer wieder fest, dass die Schüler „trotz Schulunterricht wenig Faktenwissen haben". Aufklärung laufe auch in der Schule oft nur in biologischer Hinsicht.
Prävention und Stärkung des Selbstbewusstseins der Jugendlichen seien die wichtigsten Mittel, dem Dilemma entgegenzutreten. Die Projektleiter zeigen den Schülern auch die psychosozialen Konsequenzen. „Das Projekt ist relativ existenziell", sagt Wehking zu der Babysimulation. Es gebe kaum ein Thema, das dadurch nicht berührt werde. Auch Gewalt spiele mit hinein, Fragen wie: „Wieso ermorden Eltern ihre Kinder?", kommen bei den Schülern auf. Aber auch Alltägliches veranschaulicht Problembereiche. Der Preis für Windeln zum Beispiel. „Die sind richtig teuer", weiß „Mutter" Miriam bereits.            bab

 

 

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