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Die Stadtschule nach den
Zeugnisferien mit den Präventionstagen begonnen. In diesem Jahr läuft darin
auch ein Projekt vom Landkreis, das zwölf Schüler für drei Tage zu Eltern
macht. Mit Babysimulatoren ausgestattet, erfahren die Neuntklässler, was es
heißt, Tag und Nacht Verantwortung für ein Neugeborenes zu übernehmen.
RODENBERG. Ungewöhnliche Stimmen dringen aus Raum 138 der
Stadtschule. Es ist Babygeschrei, das in der ehemaligen Bücherei zu hören
ist. Dort haben sich zehn Schülerinnen und zwei Schüler der neunten
Hauptschulklassen versammelt und sind eifrig dabei, sich um ihren
Puppen-Nachwuchs zu kümmern. Doch mit einer normalen Puppe hat der
Babysimulator wenig zu tun, denn er reagiert dank Computertechnik nahezu wie
ein vier bis acht Wochen alter Säugling und der schreit eben auch, wenn er
Hunger, die Windeln voll oder Bauchschmerzen hat.
Die Projektleiter Irmtraud Wehking vom Frauenzentrum Stadthagen und Andreas
Woitke, zuständig für Prävention und Integration bei der Kreisjugendpflege,
haben die Babysimulatoren mitgebracht. Die Projektziele sind: Vermeidung von
Frühschwangerschaften, Lebens- und Zukunftsplanung, Erkennung der Bedeutung
von Verantwortung in Partner- und Elternschaft. Auch Verhütung ist also ein
Thema, denn die Mädchen, die ungewollt schwanger werden, werden immer
jünger, ist die Erfahrung der beiden Pädagogen.
Nicht nur die Mädchen interessiert die Thematik. Mit Pascal und Malte wollen
auch zwei Jungs wissen, „wie es ist ein Baby zu haben". Pascal hat durch
eine fünf Jahre jüngere Schwester mehr Erfahrung als Malte, der ohne jüngere
Geschwister aufwuchs. Zwei Teilnehmer des Projekts sind zusammen für ein
Babymodell verantwortlich. Pascal u Malte h en ihren lebensechten Lei sohn
„Re genannt. „Gianna" heißt das Simulatorkind von Heba und Jessica, Miriam
und Jennifer tauften ihre Puppentochter „Susan". Alle kümmern sich erst
einmal rührend um ihre Adoptivkinder. Aber jeder Simulator ist so
programmiert, dass die Stresssituationen wie bei richtigen Babys ganz
unvorhergesehen auftreten.
„Eigentlich ist es so, dass alle, die bei den Projekten mitmachen, Kinder
haben wollen", stellt Wehking immer wieder fest. Bei dem Experiment werde
den Heranwachsenden aber klar, dass sie die Familienplanung doch lieber auf
später verschieben wollen. Die Erfahrungen mit Jugendlichen, die Wehking
schildert, lassen erkennen, dass Naivität, Leichtsinnigkeit und eine
degenerierte Moral eine Mischung geben, die zu den heutigen Problemen der
Jugendlichen führt. Die Fehler liegen oft schon im Elternhaus, wo auf der
einen Seite keine Aufklärung herrscht, auf der anderen Seite aber freier
Zugang zum Internet und damit allen erdenklichen sexuellen Auswüchsen.
Unaufgeklärte Jugendliche, die sich dadurch ein Zerrbild von Partnerschaften
malen, stehen sprachlosen Erwachsenen gegenüber. Wehking und Woitke stellen
auch immer wieder fest, dass die Schüler „trotz Schulunterricht wenig
Faktenwissen haben". Aufklärung laufe auch in der Schule oft nur in
biologischer Hinsicht.
Prävention und Stärkung des Selbstbewusstseins der Jugendlichen seien die
wichtigsten Mittel, dem Dilemma entgegenzutreten. Die Projektleiter zeigen
den Schülern auch die psychosozialen Konsequenzen. „Das Projekt ist relativ
existenziell", sagt Wehking zu der Babysimulation. Es gebe kaum ein Thema,
das dadurch nicht berührt werde. Auch Gewalt spiele mit hinein, Fragen wie:
„Wieso ermorden Eltern ihre Kinder?", kommen bei den Schülern auf. Aber auch
Alltägliches veranschaulicht Problembereiche. Der Preis für Windeln zum
Beispiel. „Die sind richtig teuer", weiß „Mutter" Miriam bereits.
bab |