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GEW 6-7/2010 |
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Kein zweites Wunsiedel in Norddeutschland Gegen die Naziaufmärsche in Bad Nenndorf |
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Bad Nenndorf ist
bunt. Dieses Bündnis aus verschiedenen Gruppen
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Seit 2006 muss Bad Nenndorf, ein idyllischer kleiner Kurort vor den Toren Hannovers am Deister gelegen, wie ein unabänderliches Geschehen Naziaufmärsche erdulden - so genannte „Trauerzüge" der Rechten, deren Teilnehmerzahl von Jahr zu Jahr eine Verdoppelung der Anzahl der auf diesen Aufmärschen „Trauernden" erfahren hat. Warum gerade Bad Nenndorf? Im Jahre 2005 waren Medienberichte aufgetaucht, die über das Wincklerbad - eine im Herzen Bad Nenndorfs am Kurpark gelegene Badeeinrichtung - berichteten. 1945 bis 1947 diente es den britischen Besatzungsbehörden als Spezialverhörlager, in dem hochrangige Nazis, wie z.B. Oswald Pohl, Kriegverbrecher, aber auch tatsächliche oder vermeintliche sowjetische Spione und vollkommen unbeteiligte interniert waren. Das Lager, im Volksmund als „verbotenes Dorf" bekannt, stand unter dem Kommando des britischen Geheimdienstes und es kam nachweislich zu Folter und Misshandlungen. Als diese widerrechtlichen Geschehnisse in England öffentlich wurden, kam es zu einer Untersuchung, in deren Verlauf das Lager geschlossen und die an den Übergriffen Beteiligten vor Gericht gestellt und für ihre Taten bestraft wurden. Erst 2005 - im Zusammenhang mit dem Bekannt werden der Vorfälle in Abu Ghraib - wurde das Thema in überregionalen und internationalen Medien und auch im Fernsehen einem größeren Publikum bekannt - so erfuhren auch einige regional bekannte Nazis davon. Diese Neonazis - ca. 25 Personen mit einem harten Kern von sieben Personen - waren zwar seit Jahren im Landkreis Schaumburg und darüber hinaus aktiv; neben Überfällen auf politisch anders eingestellte Jugendliche oder Zerstörungen auf jüdischen Friedhöfen traten sie auch sporadisch an unterschiedlichen Orten mit Demonstrationen mit geringer Teilnehmerzahl in Erscheinung. Über eine Verankerung in Vereinen oder Stadträten verfügten sie jedoch nicht. Im Frühjahr 2006 meldeten die Rechten den ersten „Trauermarsch" zum Wincklerbad an, um dort gegen „alliierte Kriegsverbrechen und Besatzerunrecht" zu demonstrieren. Obwohl an diesem ersten Aufzug weniger als 50 Personen teilnahmen, wurde schnell klar, dass es dabei um ein strategisch angelegtes langfristiges Projekt ging, angesichts der inzwischen bis 2030 vorgenommenen Anmeldungen für den „Trauermarsch" - jeweils am letzten Samstag im Juli bzw. ersten Samstag im August. Die Teilnehmerzahlen des rechten Umzuges haben sich seitdem ständig vergrößert, von weniger als 50 im Jahre 2006 über 150 (2007), 400 (2008) auf ungefähr 700 im Jahr 2009 - für dieses Jahr wird mit einer weiteren Steigerung der Teilnehmerzahlen gerechnet. Die bei den Gegendemonstranten bereits 2006 aufgekommene Vermutung, das Wincklerbad solle in Norddeutschland für die rechte Szene den Stellenwert erhalten, den Wunsiedel in Süddeutschland bereits inne hatte, hat sich leider bestätigt. Inzwischen wird nicht nur im norddeutschen Raum, sondern in ganz Deutschland und bei den Rechten in diversen europäischen Ländern mobilisiert. Der propagandistische und ideologische Stellenwert des Wincklerbades in Bad Nenndorf steht für die rechte Szene auf einer Stufe mit „Dresden" oder den - dank des dortigen langjährigen beharrlichen Widerstands der Zivilgesellschaft - inzwischen verbotenen Aufmärschen in Wunsiedel anlässlich des Todestages von Hitlers Stellvertreter Rudolf Hess. Der Vorteil der „Gedenkstätte" Wincklerbad im Vergleich zu Wunsiedel liegt darin begründet, dass die Nazis hier auf die direkte Glorifizierung von Kriegsverbrechern und anderen Nazi-Größen - zumindest im offiziellen Teil - verzichten und sich in ihren Aufrufen auf tatsächliche Rechtsverstöße der britischen Besatzungsmacht stützen können, so dass die rechtlichen Möglichkeiten eines Veranstaltungsverbots erschwert sind.
Den harten Kern des zivilgesellschaftlichen
Widerstandes vor Ort bildet das Bündnis „Bad Nenndorf ist bunt", das sich
unmittelbar als Reaktion auf den ersten Naziaufzug 2006 gebildet hat. Neben
Privatpersonen, der örtlichen Jüdischen Gemeinde, Vertretern
unterschiedlicher Parteien, regionalen Antifa-Gruppen, Vertretern von DGB
und AWO, Lehrern und Schülern verschiedener Schulen ist auch die GEW im
Bündnis vertreten, um den Nazis entschieden entgegen zu treten. Beharrlich
wurden seit 2006 Informations- und Kulturveranstaltungen durchgeführt, um
aufzuklären und die Basis für eine direkte Gegenwehr zu verbreitern. Durch
diese Kontinuität der vom Bündnis entfalteten Aktivitäten ist es inzwischen
gelungen, eine langsame Annäherung zwischen den Vertretern von „Bad Nenndorf
ist bunt", der örtlichen Politik und den Vereinen zu erreichen, so dass
inzwischen die Bereitschaft, sich an Antinazi-Aktionen zu beteiligen,
erheblich gewachsen ist. Auch die Stadtverwaltung lädt mittlerweile zu
gezielten Informations- und Mobilisierungsveranstaltungen ein, um über die
Ziel, Inhalte, Methoden und Strukturen der Nazis zu informieren. Die
Diskussion über Formen des Widerstandes findet - über die Antifa-Szene
hinaus - in der Mitte der Gesellschaft statt.
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